Verschiedenes

Hass, Melancholie und Monotonie, kurz Corona

Die ersten Veröffentlichungen, die sich unter Corona subsumieren lassen, liegen vor. Drei Beispiele die unter Hass, Melancholie und Monotonie, Gefühle und Stimmungen, die zu Corona passen, wiedergeben, werden hier angesprochen. Hass würde hier besser als Wut buchstabiert, aber Hass ist im Titel einer der CDs aufgerufen.

Da ist also Hate for Sale, das neue ultrakurze Album der Pretenders. Die stramm auf die 70 zugehende Chrissie Hynde singt sich die Seele aus dem Leib und ist immer noch die wütende Frau der Branche. Auf neun Titeln lärmt es in bester Punk-, New Wave- und Crazy Horse-Manier. Abgerundet wird das Album durch Crying in Public, eine Ballade, die gerne von Marianne Faithfull gecovert werden kann, wie damals Private Life von Grace Jones. Der Titelsong Hate for Sale, über unausstehliche Exemplare meines Geschlechts, ist möglicherweise auch eine Hardcoreanswer auf satirische Songs von Ray Davies von den Kinks über dasselbe Thema.

Dann noch einmal Chrissie Hynde zusammen mit ihrem Gitarristen James Walboune. Sieben Dylan Covers unplugged unterlegt mit Filmen aus dem Lockdown, hauptsächlich aufgenommen auf dem Lande, sehr langsame Kameraführung, melancholisch und berührend, das sind die Dylan Lockdown Series.
Es geht ruhig zu und distanziert, Menschen, die anscheinend auf einer Farm in British Countryside zusammenleben, schreiben sich Briefe und skypen miteinander; körperliche Berührungen sind eher selten, dafür berühren die Bilder die Seele mit Trauer und Melancholie über den Verlust der Nähe. Mir erscheinen die Filme wie eine Illustration zum Corona-Statement der Berliner Theoretikerin Sabine Hark: Durch Verwundbarkeit verbunden. Meine Favoriten: Don´t fall apart on me Tonight mit Bildern von Black Lives matter Aktionen im Lockdown in der britischen Provinz und Blind Willie McTell mit Filmsequenzen aus dem amerikanischen Süden, die Stimme von Chrissie Hynde hier ganz nahe an Julie Driscoll. In beide Filme sind passende Tanzsequenzen integriert. Alle sieben Filme sind über Youtube veröffentlicht, momentan sechs davon auch über die Homepage der Pretenders abrufbar.

Zuletzt Chris Abrahams piano and organ, Tony Buck drums und Lloyd Swanton basses, kurz die Necks mit ihrem vor wenigen Tagen erschienen Album Three. Das bedeutet weiterhin repetitive, zirkuläre, fast monotone an Minimal Music gemahnende Stücke, diesmal im Vergleich zum Konzert der Band auf dem AKUT vor Jahren, stärker variierend in Klangfarbe bzw. Sound. Kurz die Necks sind sich treu geblieben, auch wenn sie ihr Hauptquartier vom damaligen Berlin wieder zurück in die australische Heimat verlegt haben. Für Menschen, die etwas mit dem Wort anfangen können, Ambient kann weiterhin über diese Musik gesagt werden, trotz der drums.

Uwe Saßmannshausen Anfang Sep. 2020

Peter Green ist tot und dem Albatros geht es auch nicht gut

Am 25.7.2020 verstarb der großartige Blues-Gitarrist Peter Green, vormals Peter Allen Greenbaum, ein jüdisches Arbeiterkind, das sich gezwungen seinen Namen in P.G. zu ändern um als Jugendlicher antisemitischer Anmache zu entgehen.
Ob wohl eigentlich Bluesmusiker, mit wenigen grandiosen Jahren Ende der 60ziger, u.a. bei John Mayall und natürlich mit seiner eigenen Band Fleetwood Mac, ist sein Name auf immer verbunden mit dem Instrumental Albatross (engl.) zur Würdigung und musikalischen Beschreibung des majestätischen Seevogels, der hauptsächlich in der Südsee lebt. Zum Albatros (deut.): „Laut einem NABU-Bericht aus dem Jahr 2020 sterben jährlich weltweit mehr als 300.000. Seevögel (davon etwa 100.000 Albatrosse).“ (Wikipedia). Als Grund werden Landleinen in der Fischerei genannt. „Jede der 22 Albatros-Arten steht auf der Liste bedrohter Tiere.“ (WWF-Schweiz).
Allein Greenys Song Albatross reicht für die Ewigkeit, aber da gibt es auch noch Black Magic Woman, weltbekannt gemacht worden durch das Cover Carlos Santanas und um einen seiner vielen Bluessongs zu nennen Rattlesnake Shake. Zu den Klapperschlangen vermeldet Wikipedia: „ … Bestandszahlen … stark rückläufig.“
Stark rückläufig waren die Dinge ab 1970, Stichwort zu viel LSD und draus resultierende psychische Probleme. Die Legende nennt in diesem Zusammenhang Rainer Langhans und Uschi Obermaier und Gespielinnen als mitverantwortliche Veführer/innen. Letztlich hat Greeny aber das Zeug selber eingeworfen. Die damals erschienene LP The End of the Game ist vorsichtig formuliert kalt, der Titel leider prophetisch. Es sollte nie mehr so gut laufen wie kurz vor 1970, die von Peter Green erträumte Öffnung seiner Musik in Richtung Grateful Dead kam nie zustande. Auch bei der faktischen early Fleetwood Mac Revivalband Splinter Group um die Jahrtausendwende stand P.G. häufig nur als Publikumsfänger auf der Bühne. Beim Konzert in Mainz hatte der Autor den Eindruck, dass Peter Green der Saft weggedreht wurde und der zweite Gitarrist seinen Part übernahm.
Es ist eine traurige Welt. Goodbye Greeny!

Uwe Saßmannshausen, August 2020

Lesetipp: David Byrne – Wie Musik wirkt

„… stellen wir uns einen von wilden Begierden und inneren Dämonen getriebenen Rocksänger vor, aus dem in einer Art inspirierter Eruption diese unglaublichen, perfekt geschliffenen Songs hervorbrechen, die rein zufällig alle drei Minuten und zwölf Sekunden lang sind. Das ist eine sehr romantische Vorstellung davon, wie Kunst entsteht. Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass es genau andersherum läuft. Ich glaube, dass Künstler instinktiv und unbewusst so arbeiten, dass das Ergebnis zu bereits vorhandenen Formvorgaben passt.“ (S.13). Über diese Formvorgaben lässt sich David Byrne in „Wir Musik wirkt“ über 421 Seiten plus Anhang aus. Zugegeben nicht gerade kurz, aber in Zeiten von Coronalangeweile durchaus machbar und durchgehend erhellend. Der lockere, leicht ironische Schreibstil hilft hier ungemein, man merkt, dass hier der Autor großer Songs der Talking Heads zu Werke geht, er doziert nicht, er erzählt. Wir lernen auch Kurioses, bspw. unter der Überschrift „Musik und Ritus“dass wir für die „Ordnung unseres Gemeinwesens Lieder für eine Vielzahl sozial relevanter Gelegenheiten entwickelt haben.“ Hier wird z.B. genannt, Eltern werden danach lechzen, „Lieder fürs Toilettentraining; Lieder zum Übergang in die Pubertät, …“. Soweit Byrnes Zusammenfassung des Musikethnologen Alan P. Merriam. Er selberkommentiert trocken zu den Toilettentrainingsliedern: „Die will ich unbedingt mal hören!“ (Alle Zitate hierzu S. 405).
Die vorgenannten Formvorgaben können die Architektur der Clubs (hier erfahren wir u.a. viel zum CBGBs) und Hallen, der Stand der Aufnahmetechnik und des Instrumentenbaus, der Zweck der Aufnahme, die Ökonomie (hierüber lässt sich David Byrne lange aus), naturwissenschaftliche und musikstrukturelle Begebenheiten, nur schwer zu überwindende kulturanthropologische, religiöse und gesellschaftliche Strukturen, politisch-ideologische Vorstellungen u.v.a.m. sein. Puuh, das erschlägt einem fast, aber keine Angst der Text bleibt wie gesagt immer gut lesbar und es zeigt sich, dass am Schluss immer noch genug Platz für Kreativität bleibt. Wie sollt es auch beim legendären Frontman der Talking Heads anders sein.
Zuletzt ein Tip: Wenn man das Buch liest, dann auch die alten Platten der Talking Heads wieder hören und vor allen Dingen: Brian Eno – David Byrne: My life in the bush of ghosts.

Uwe Saßmannshausen Ende April 2020

P.S. Im Buch wird auch Musik angesprochen, die selbst hartgesottene AKUT-Fans verstören dürfte. Ein Bsp.ist die Band Sunn O))): „Die in Druidenroben steckenden Musiker standen mit ihren Gitarren vor einer Wand aus übereinandergestapelten Verstärkern und erzeugten ein monströses lautes Gitarrendröhnen, das über die Köpfe der Besucher hinwegbrandete, langsam anschwoll und dann wider abebbte. Es gab keine Drums, keine Songs, zumindest nicht nach unserem gängigen Verständnis.“ (S.415). Die Aufführung, die David Byrne erleben durfte, fand in einer ehemaligen Kirche statt. Ich habe mir Sunn O))) auf Youtube angesehen, hier mein Kommentar: Um die Kirche im Dorf zu lassen, der Gott der Musik prüft seine Jünger manchmal schwer.

Lee Konitz ist tot

Gestorben am Virus mit 92 Jahren in New York. Mit seinem Spiel am Alt-Saxofon hat er Großes geleistet.
In seinem Leben als Jazzer entwickelte er sich vor seinem Hintergrund im Cool in verschiedene Richtungen: vom eher gefälligem Big-Band-Jazz bis zur Zusammenarbeit mit Anthony Braxton, immer auf hohem Niveau.
92 Jahre ist ein hohes Alter, aber in einer Welt besserer medizinischer Versorgung hätten ihm trotzdem noch einige Zeit zum Spielen vergönnt sein könne und uns zum Hören.
Für die Freunde und Freundinnen unseres Vereins ein Tip: Lee Konitz hat sich gerne mit Solos und Duos beschäftigt. Ich schlage zum Hören und Eingedenken „Lee Konitz / Albert Mangelsdorff: The art of the duo“ vor.
Ein Dank für das Lebenswerk von Lee Konitz, wo immer er jetzt sein möge!

Uwe Saßmannshausen 19.04.2020

Elliot Galvin: Modern Times

2019 erschien die CD Modern Times des Eliot Galvin Trios, einer noch jungen Formation mit Eliot Galvin Piano, Tom McCredie Bass und Corrie Dick Drums.
Die Band stammt aus GB, auf dem Cover des Tonträgers ist noch made in the EU vermerkt.
Die CD hat klassische LP-Länge, die Songs sind von traditioneller Dauer von 3 bis 6 Minuten. Komposition und Improvisation sind verschränkt, die Musik manchmal etwas spröde.
Gespielt wird moderner Jazz mit Ausflügen in Richtung moderner E-Musik. Es finden sich rhythmische und zirkuläre Passagen und Momente von großer Dynamik. Das Klangbild entspricht nicht dem klassischem Barjazz in melodisch linearen Strukturen, es finden sich stattdessen Anklänge des Atonalen: Durch die Songstruktur bleibt die Musik aber gut hörbar.
Das Bild das die Musik im Kopf des Rezensenten erzeugt ist weit weg von happy go lucky, der Bauch wird eher nicht angesprochen. Die technischen Fähigkeiten der Musiker sind exzellent, der Autor dieser Zeilen konnte sich davon auch live überzeugen.
Fazit: This is the time and this is the record of the time.

Uwe Saßmannshausen

Doppelbesprechung Howe Gelb: Gathered und Lucia Cadotsch: Speak Low

Diese beiden CDs sind in verschiedenen Genres unterwegs, trotzdem einigen sie vier Dinge auf die ich weiter unten zu sprechen komme.
Howe Gelb, amerikanischer Singer/Songwriter und Ex-Mastermind von Giant Sand, hier mit einer eigenen Produktion unterwegs, führt uns mit Gathered in die Welt von Leonhard Cohen, Tom Waits und Lou Reed, aber mit seiner eigenen unverwechselbaren Reibeisenstimme, karg instrumentierte Folkmusik mit Einsprengseln von Rock und Jazz.
Gelegentlich wird er von Gastsängerinnen unterstützt, u.a. von der Nouvelle Vague Ikone Anna Karina und Tochter Talula.
Die Schweizer Sängerin Lucia Cadotsch zusammen mit Otis Sansjö am Tenorsaxophon und Petter Eldh am Bass interpretiert das great american songbook auf Speak low neu.
Der Dreh an ihrer Produktion ist, dass eigentlich eher traditioneller Jazzgesang von den beiden Instrumentalisten mit aus freiem Spiel bekannten Tönen unterlegt wird, was einen reizvollen Kontrast bildet.
Die Songs werden aus einer abgeleierten Barjazzecke herausgeholt und angenehm modernisiert.
Was nun beide CDs eint ist die musikalische Qualität, der gemeinsame leicht melancholische Mood und die eher leisen Töne, was beides gut zur Zeit passt.
Zuletzt findet sich auf jedem Werk eine gelungene Interpretation von Moon River, auf der Gelb-CD interpretiert von Tochter Talula, von der wir hoffentlich noch viel zu hören bekommen werden.

Uwe Saßmannshausen