Kultur & Corona

Aktuelle Ergänzung zu Live-Jazz in Zeiten von Corona

Zum neuerlichen Lockdown-Light gibt es verschärfte Kritik aus der Kulturszene an den konkret getroffenen Maßnahmen, aber auch am öffentlichen Diskurs.
Wir teilen große Teile dieser Kritik bei Beibehaltung unserer Einschätzung, dass Corona hochgefährlich ist.
Wir haben mit Corona-weg-Träumer*innen nichts am Hut, wir sehen sie schon gar nicht als Freidenker*innen an, sondern als Nicht-Denker*innen.
Freidenker*innen sind für uns Menschen die bspw. mit den vorherrschenden religiösen Vorstellung nicht überein stimmen.
Wir sehen allerdings auch, dass das derzeitige regierungsamtliche Vorgehen bezüglich Corona uns Argumente gegen die Träumer*innen nimmt.
Wir haben auf der Ebene des Diskurses ein Problem mit dem sich offiziell abzeichnenden Menschenbild einer zweibeinigen Virenschleuder.
Wir möchten hier den Intendanten des Mainzer Theaters Markus Müller zustimmend zitieren:
„Statt die wenigen gefahrlosen offenen Orte als Chance zu begreifen und den Menschen in einer Zeit der Einschränkungen, Sorgen und Fragen hier die Möglichkeit zu geben, sich nicht nur als Virenschleudern, sondern im Austausch miteinander als denkende und handelnde Individuen zu erleben, werden Theater grundlos verriegelt, wird Kultur verhindert.“
Das gilt natürlich auch für unsere potentiellen Spielorte. Die Kulturszene hat viel im Bereich Hygiene getan, die Schließungen sind kritikwürdig.
Wir halten das derzeitige staatliche Handeln in Corona-Angelegenheiten an den Parlamenten vorbei für nicht hinreichend legitimiert.
Neben diesem fragwürdigen formalen Vorgehen üben wir auch inhaltliche Kritik an den Verordnungen, die nicht wirklich nachvollziehbar begründet sind.
Wenn denn Kontaktreduzierung angesagt ist, was angesichts der derzeitigen Zahlen wohl stimmt, warum schon wieder bei Kultur und Gastronomie, warum nicht bei Autoproduktion und Vertrieb, warum nicht in der Möbelbranche?
Es ist nicht nachvollziehbar, dass sich die Menschen am Arbeitsplatz und beim Shoppen, in den Schulen und im öffentlichen Nahverkehr ungleich näher kommen dürfen und sollen als bei Konzerten, Theateraufführungen oder in Restaurants.
Warum darf man sich ’schöne Dinge‘ im Möbelhaus und Baumarkt ansehen, aber nicht im Museum?
Ein Lockdown-Light mit dem Ziel Arbeit und Einkaufen zu erlauben um der Wirtschaft nicht zu schaden und damit die Gesellschaft ‚am Laufen‘ zu halten ist unserer Meinung nach – vereinfacht und milde gesagt – zu kurz gegriffen.
Denn abgesehen von dem ökonomischen Potential des gesamten Kulturbetriebs hat dieser auch eine soziale Funktion Kultur und Bildung gehen Hand in Hand.
Umso mehr erstaunt es uns, dass Schülerinnen und Lehrerinnen eine gefährliche Enge zugemutet wird, während im Kulturbereich nur ein Mensch in der Nähe eines anderen Menschen als Gefahr beschrieben wird.
Eine Umstellung der Schulen auf das halbe: halbe Prinzip ist nach ersten neuen pädagogischen Erkenntnissen durchaus zu verantworten und würde auch noch bezüglich des problematischen ÖPNVs entlasten.
Die soziale Problematik für Künstlerinnen und die gesamte Veranstaltungsbranche ist weiterhin nicht hinreichend geklärt, unsere Forderung nach einem garantierten Mindesteinkommen in diesem Bereich bleibt bestehen.
Den einmonatigen teilweisen Ersatz des Verdienstausfalls, der jetzt kommen soll, beurteilen wir als zu kurz gegriffen und er wird wahrscheinlich zu bürokratisch sein.

upArt e. V. im November 2020

Live-Jazz in Zeiten von Corona, eine Stellungnahme von upArt e.V. 

1. Corona bedeutet für die Musiker*innen genauso wie für die beruflich zuarbeitenden Menschen eine absolute ökonomische Katastrophe.
Neue Formate, Selbsthilfe und Spenden sind willkommen und lobenswert, aber keine dauerhafte Lösung und letztendlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein .
Um die Notlage in dieser Krise zu entschärfen und sinnvollerweise auch dauerhaft abzufedern, bedarf es eines garantierten Mindesteinkommens durch den Staat.
Ebenso müssen für entstandene Kosten, z.B. wegen geplatzter Verträge, die Kosten abgedeckt werden und die Zugänge zu Geldern einfach und die Bezahlung zügig vorgenommen werden.
Eine Trockenlegung der Szene ist nicht hinzunehmen.

2. Als Veranstalter sind wir der Meinung, dass es keine Verhandlungen und Kompromisse geben kann, wie mit dem Virus umzugehen ist.
Wir sind für die Gesundheit unserer Besucher*innen, der Künstler*innen sowie aller Mitarbeiter*innen verantwortlich.
Die Ängste und Befürchtungen sind berechtigt und ernst zu nehmen, nicht zuletzt auch deshalb, weil wir es zum großen Teil mit älteren Menschen zu tun haben, die objektiv ein größeres Risiko tragen.
Die Gesundheit geht vor und deshalb kommt eine Orientierung an schlechten Beispielen nach unten (z.B. Luftfahrt oder ÖPNV) für uns nicht in Frage.

3. Das Akut-Festival 2020 wird leider ausfallen müssen, wir tun alles dafür, dass es im Herbst 2021 stattfinden kann.

4. Das AKUT wird mit klar definierten Eintrittspreisen arbeiten, nicht zuletzt, weil wir nur mit einer soliden Kostenplanung unterstützt werden.
Nichtdestotrotz lehnen wir Veranstaltungen oder neue Formate, die mit freiwilligen Besucherspenden finanziert werden, nicht prinzipiell ab.
Oft ist dies – und nicht nur wegen Corona – ein guter oder gar der beste Weg eine größtmögliche Kostendeckung zu erreichen. Sowohl für die Veranstalter wie auch für die Künstler.
Denn für eins stehen wir schon immer ein: ein Bühnenauftritt muss anständig bezahlt werden.

5. Neben allen Kunstformen und Musikgenres ist der Jazz unsere Herzenssache: Jazz ist internationale Musik, Jazz ist antirassistisch, Jazz hat seine Wurzeln in gewalttätig erzwungener Migration und steht auf Seiten der Flüchtlinge, der Unterdrückten und Freidenker.
Jazz findet vor dem Hintergrund der Klimakrise, sozialer Ungerechtigkeit und der Auseinandersetzung der Geschlechter statt und reflektiert dies. Ihm gilt unsere Unterstützung

6. Last but not least: Wir danken allen Menschen, die als Amateur oder Profi in dieser Krise ohne Profitgedanken tätig sind und mit Geld und/oder Infrastruktur helfen, die Kultur zu unterstützen. Und wir wünschen uns, dass es immer mehr werden!