Presseberichte

Kreative Klangschöpfungen - JAZZ Joe Sachse, John Marshall und Fred Baker faszinieren die Zuhörer im „Café 7º“ (Mainzer Allgemeine Seite 11.04.2011)

Locker improvisierter Artrock - Mary Halvorson und Jessica Pavone überzeugen mit Minimal-Music, frechem Witz und alten Jazzspielarten im Café 7º (Mainzer Allgemeine Zeitung 08.09.2009)

Stakkato-Schlacht der Saxophonisten – Peter Brötzmann und Ken Vandermark im Doppelkonzert zur Feier von zwanzig Jahre „Upart“ (Mainzer Allgemeine Zeitung 08.09.2009)

Die wilde Musik einer Großstadt - 16. Akut-Festival im Frankfurter Hof (Mainzer Allgemeine Zeitung, 18.11.2008)

Weltklasse-Trendsetter aus der Vertriebsnische - Die Plattformen für Avantgarde-Jazz werden kleiner: Geschrumpftes "Akut"-Festival in Mainz mit brilliantem Ken Vandermark (Mainzer Allgemeine Zeitung, 09.10.2006)

Ein Klangkörper als kollektiver Lebensentwurf - Das kreative Italian Instabile Orchestra begeisterte auch als Sozial-Modell beim 14. "Akut-Festival" im Frankfurter Hof (Allgemeine Zeitung, Mainz 23.11.2004)

Quirlig-kreative Entdeckergemeinschaft - Im "Italian Instabile Orchestra" versammelt sich Italiens Jazz-Elite - Gastspiel beim "Akut"-Festival (Mainzer Rheinzeitung, 23.11.2004)



Mainzer Allgemeine Zeitung vom 11.04.2011

Von Klaus Mümpfer

Kreative Klangschöpfungen

JAZZ Joe Sachse, John Marshall und Fred Baker faszinieren die Zuhörer im „Café 7º“

Die Augen der Zuschauer vermögen der Schlagzahl der rechten Hand auf der Gitarre kaum zu folgen, wenn Joe Sachse sich in rasanten Läufen gemeinsam mit John Marshall am Schlagzeug und Fred Baker am Bass dem Trio-Crescendo nähert. Sachse hat die klassische Arbeitsteilung der Hände beim Gitarrenspiel aufgegeben und entwickelte eine beidhändige polyphone Fingertapping- und Percussionstechnik, die er auf Saiten und Korpus reißt und schlägt sowie mit verzerrtem Sound kombiniert. Zusätzliche Soundeffekte mit Glissandowirkung zaubert Sachse mit Hilfsmitteln wie einem Schraubenzieher auf den Stahlsaiten. Solche ebenso kreative wie virtuose Klangschöpfungen lassen sein Spiel artistisch wirken..

Sachses Spiel integriert sich in die ausschweifende Jazz-Rock-Konzeption des Trios mit dem früheren „Soft Machine“- und „Nucleus“-Drummer John Marshall sowie dessen Freund aus der „Soft Machine Legacy“-Zeit, dem Bassisten Fred Thelonious Baker. Extreme Dynamiksprünge, selten zarte Gitarrenläufe und swingende Beats, meistens dagegen rasend schnelle und rhythmisch vielschichtige Interaktionen prägen das Spiel von Sachse, Marshall und Baker.

Nasobem“, eine Komposition nach einem Gedicht von Christian Morgenstern hebt mit einem hart rockenden Up-Tempo-Lauf an, wechselt zu einer melodischen Passage, um dann wiederum abrupt in ein Hochgeschwindigkeits-Crescendo zu münden und mit einem Schlagzeug-Solo zu enden. Sachses Bewunderung gilt nach eigener Aussage Marshall, der die Phrasen der Themen umspielt und dabei, nie wiederholend, die Kompositionen „kommentiert“. Das Lob schießt auch Baker ein, der mühelos zwischen Basslinien und Melodie wechselt sowie frei kontrapunktisch Läufe zupft. Bakers Soli überzeugen mit harmonischen Wendungen und Verzierungen des Themas und laufen nur selten straight im Grundrhythmus. Fasziniert lauscht der Zuhörer in „The Mill“ einem trotz der Lautstärke sensiblen Ruf-Antwort-Spiel von Bass und Gitarre.

Ins Ohr gehen beim Konzert auf Einladung der Kulturinitiative „Up-Art“ vor allem Flamenco-gesättigte Kompositionen wie „Der Geist von Toledo“ oder „Für Oki“ mit den eingängigen Gitarren-Läufen und den melodischen Bass-Linien. Dann kann Sachse sein doppelt percussives Spiel auf der Gitarre ausleben. Eingeschoben zwischen die schnellen Jazzrock-Stücke sind etwa beim „Altersswing“ Experimente mit Sound-Collagen auf Gitarre und Bass, die vom frei pulsierenden Schlagzeug abgerundet werden. „Wir wollten mal was anderes präsentieren als Jazz“, meint ein UpArt-Mitglied spaßhaft. Die humorvollen Energieausbrüche des „One Take“-Trios bereiteten den zahlreichen Zuhörern im „Café 7º“ viel Freude.

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Mainzer Allgemeine Zeitung vom 25.02.2011

Locker improvisierter Artrock

JAZZINITIATIVE Mary Halvorson und Jessica Pavone überzeugen mit Minimal-Music, frechem Witz und alten Jazzspielarten im Café 7º

(dör). Mary Halvorson spielt eine feine Gitarre, und gerne darf es auch ein Vintage-Modell sein. Aber eines muss ihr Instrument können, es soll Töne verbiegen und verzerren, denn ihr so transparentes Single Note-Spiel ufert zuweilen aus in ein heftiges Splittern und Bersten in bester Hendrix-Manier. Die so fragile wie energische Gitarristin ist derzeit sehr gefragt. Neben dem Duo mit Jessica Pavone hat sie ein eigenes Trio, spielt in Marc Ribots „Sunship“ und immer mal wieder in den Formationen ihres Lehrmeisters Anthony Braxtons. In New York, wo sie seit 2002 lebt, wird sie von der Kritik als „the real thing“ gefeiert. In der Tat, was die dreißigjährige Gitarristin mit dem leichthändigen Anschlag und die Geigerin Jessica Pavone spielen, das schmeckt nach Rock und ein bisschen auch nach Kunsthochschule. Fügt sich also prima ein in die gewollt coole Atmosphäre im Kulturcafé 7º und verbindet sich zuweilen frappant mit dem Verkehrslärm draußen vor der Tür. Interessiert heben beide Musikerinnen den Kopf - „Police.. ?“ - „No, Firebrigade...“, antwortet es aus dem Publikum und weiter geht die Notenjagd durch das nächtliche Mainz. Seit fast zehn Jahren arbeitet Halvorson mit der Geigerin Jessica Pavone zusammen und ihren locker improvisierten Artrock stellen die beiden derzeit im alten Europa vor. Drei Stationen nur, ein Kulturclub in Oberitalien, das renommierte Bimhuis in Amsterdam und eben das 7º in der Kunsthalle, das seit seiner Eröffnung der Mainzer Jazziniative „upart“ Obdach bietet. Lässig und übermütig klingt das Duo und findet sich zuweilen zweistimmig zu kleinen, drolligen Moritaten. Eine verblüffend stimmige Kombination von Minmal-Music, frechem Witz und alten Jazzspielarten, hier ein wenig Charlie Christian, dort sogar ein bisschen Folk. „Prairies“ haben sie eine ihrer frühen CDs betitelt und auch wenn sich Mary Halvorson gewiss nicht an der derzeitigen Americana-Manie beteiligt, auch ein Hauch alter Westen findet sich in der quecksilbrigen Mischung aus Folk, Jazz und Kammermusik.

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Mainzer Allgemeine Zeitung vom 08.09.2009

Stakkato-Schlacht der Saxophonisten

JAZZ Peter Brötzmann und Ken Vandermark im Doppelkonzert zur Feier von zwanzig Jahre "Upart"

Don Cherry hatte ihn einst "Machine Gun" genannt. Dies hatte dem Saxophonisten Peter Brötzmann offensichtlich so sehr geschmeichelt, dass er so eine seiner wichtigsten Einspielungen nannte. Dennoch ist es immer wieder faszinierend, welche sanften Läufe der Berserker aus Saxophonen und Klarinetten sowie dem aus Ungarn stammenden Tarogato entlocken kann. Beim Duo-Konzert mit dem amerikanischen Kollegen Ken Vandermark zur 20-Jahr-Feier von "Upart" setzt Brötzmann die Hymnik afrikanischer Beschwörungsformeln gegen eine sonore, fast sakral wirkende Grundlinie, die Vandermark auf dem Tenorsaxophon anstimmt. Zuvor hatte der eine Generation jüngere Amerikaner mit knallenden Schnalzlauten auf seinem Instrument die langgezogenen Läufe Brötzmanns strukturiert.

Die energetischen und expressiven Stakkatoläufe Vandermarks und Brötzmanns gleichen einem "Saxophon-Battle" nach dem Motto lauter, kraftvoller, aufschreiender. Immer wieder schrauben sie sich auf den Klarinetten in schwindelerregende Höhen, bis sich die Töne fast schmerzhaft wie Tinnitus in den Gehörgängen festsetzen. Dazwischen gibt es nahezu lyrische Passagen, in denen Brötzmann auf dem der Klarinette ähnelnden Tarogato die "Melodie"-Linien Vandermarks umspielt, bevor die beiden Klarinettisten ihre Läufe verweben, Brötzmann eine kantable Linie bläst und Vandermark in Zirkularatmung einen schier nicht enden wollenden Lauf mit reichlich Vibrato ausklingen lässt. Extreme Dynamikspünge kennzeichnen die Duo-Improvisationen, Unisono und Mehrstimmigkeit die Interaktionen.

Jene unauffälligen Rückbesinnungen auf die Tradition strafen Kritiker Lügen, die Brötzmann zu stark im europäischen Free-Jazz der sechziger Jahre hängengeblieben sehen. Und Ken Vandermarks diesjährige Einspielung "c.o.d.e." als Tribut an die Free-Jazz-Pioniere Ornette Coleman und Eric Dolphy belegt, dass auch der Jüngere das freie und ungebundene Spiel in eine zeitgemäße Form transformiert hat.

Dies gilt um so mehr für die Musik von Vandermarks "Frame-Quartet", mit dem er im zweiten Teil des Jubiläumskonzertes Folkore, freien Jazz, elektronische Experimente und E-Avantgarde auf einzigartige Weise verschmelzen lässt. Es beginnt mit reinen Electronics, die Percussionist Tim Daisy mit zunächst swingendem Spiel unterlegt. Vandermark greift mit dem Tenorsaxophon das Thema auf, zerfasert es, während Daisy vom Beat zum "Pulse" wechselt. Cellist Fred Lonberg-Holm liefert sich mit dem Bassisten Nate McBride auf dem Bass rasende gestrichene wie gezupfte Wettläufe. Ein anderes Mal leitet die String-Section kammermusikalisch Vandermarks Klarinettensolo ein. Plötzlich überraschen ein Dutzend Gongschläge die Zuhörer, bevor das Cello neutönerisch gestrichen wird. Die Klarinette schreit auf, schraubt sich in überblasene High-Notes oder schnattert in den Mittellagen.

Vor dem Konzert blicken die Vorsitzende Marlis Weißenberger und UpArt-Fan Reimund Dillmann auf die 20 Jahre des Vereins für zeitgenössische Kultur zurück. Die Liste der Künstler gleicht einem "Who is who" des modernen Jazz. Dillmann bescheinigt den Vereinsmitgliedern von UpArt "offene Ohren, Kompetenz sowie konstruktive Streitkultur" zum Nutzen der Jazz-Freunde.

von Klaus Mümpfer

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Mainzer Allgemeine Zeitung vom 18.11.2008

Die wilde Musik einer Großstadt - 16. Akut-Festival im Frankfurter Hof

MAINZ Das 16. Akut-Festival im Frankfurter Hof machte eine digitale Zeitenwende spürbar, ohne auch nur einen Computer hörbar werden zu lassen. Es ging um die Interaktion unter Individuen und um die Reduktion des Einzelnen auf die Funktion des Ausführenden. Das befreite und befreiende Spielprinzip des Free Jazz, wie es seit den sechziger Jahren gültig war, wird zunehmend von einer ästhetisch motivierten Denkweise des Seriellen und Modularen abgelöst. Nicht mehr die zum Ausbruch geführte Psychologie des Menschen regiert, sondern die klare Struktur, wie sie in Idealform allein von Maschinen generiert werden kann.

Wenn zwei das Gleiche tun, dann kann es schon mal im Chaos enden. Dann nämlich, wenn die vereinbarte Ordnung durch falsche Orientierung, Fehler oder gar Hinterlist durchkreuzt wird. Das Double Tenor Quartet des New Yorker Kontrabassisten Mario Pavone trägt die provozierte Differenz schon im Namen: Zwei Saxophonisten - Tony Malaby, Abraham Burton - stellen sich unisono vor, um sich mit jedem improvisierten Takt weiter voneinander zu entfernen. Das soziale Grundprinzip des organisierten Miteinanders wird konterkariert. Dicht verwobene Romantizismen von Pianist Peter Madsen, stolpernde, ungerade Bassfiguren von Mario Pavone und heftig synkopierte, kaum miteinander verschachtelte Binnenrhythmen von Schlagzeuger Daniel Humair machen das Ganze zur wilden Musik einer Großstadt, in der sich jeder der Nächste ist. Schade nur, dass dieses Double Quartet kaum seinem Namen Ehre machte, die beiden Holzbläser meist nacheinander solierten.

Dass es am gleichen Werkstück feilt, wurde beim nachfolgenden Duo vom ersten Ton an deutlich. Die Linke des 73-jährigen Pianisten Misha Mengelberg aus den Niederlanden stanzt mit autistischem Gleichmaß Lochkarten in die bassseitige Tastatur des Flügels, während die Rechte vogelgleiches Gezwitscher in höchsten Lagen beimischt. Drei Meter neben ihm steht der Kölner Klarinettist und Saxofonist Frank Gratkowski und holt das ganze Arsenal an Überblas-, Schmatz- und Rauschtönen aus seinem Instrument - und plötzlich mischt sich in dieses Holzblas-Inferno ein beruhigtes Rhythmusraster, parallel zu dem von Mengelberg vorgegebenen Bass-Motiv. Gelebte Demokratie auf offener Bühne - hier wird von Gleich zu Gleich kommuniziert. Jeder gibt, was er kann, und jeder nimmt, was der andere zu geben bereit ist.

Ganz anders Ronin, die fantastische Band des Schweizer Pianisten Nik Bärtsch. Hier agiert der Komponist im Sinne eines Programmierers. Auf Zuruf oder vereinbarte musikalische Zeichen hin reihen sich klar überschaubare Module aneinander, die in ihrem inneren Verlauf immer gleich bleiben und sich durch seriellen Gebrauch theoretisch bis ins Unendliche fortsetzen lassen. Der einzelne Musiker wird so zum hochprofessionell tätigen, virtuosen Knöpfchendrücker. Das Wunder an der Sache ist, dass das Ganze ordentlichen Groove entwickelt, der dieser Reißbrett-Musik zupackende Körperlichkeit vermittelt. Ronin funktioniert über weite Strecken wie Techno sinnentleert, animierend, anonymisierend. Jazz der näheren Zukunft.

von Stephan A. Dudek

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Mainzer Allgemeine Zeitung, 09.10.2006

Weltklasse-Trendsetter aus der Vertriebsnische - Die Plattformen für Avantgarde-Jazz werden kleiner: Geschrumpftes "Akut"-Festival in Mainz mit brilliantem Ken Vandermark

MAINZ Ach, es ist ein Jammer, dass ein Weltklassemusiker wie Ken Vandermark hier zu Lande nicht die Beachtung findet, die seine Leistung verdient. Der mangelhafte Vertrieb seiner CDs verhindert, dass der Holzbläser aus Chicago beim breiten Publikum überhaupt ankommt. Festivals wie dem Mainzer "Akut" im Frankfurter Hof, dieses Jahr aus schierer Geldnot auf nur einen Tag geschrumpft und für die Zukunft in seinem Bestand schwer gefährdet, kommt das Verdienst zu, solch künstlerische Trendsetter aus den Fesseln der Vertriebsnische zu befreien und eine Bühne zu bieten. Wenn es das nicht mehr gäbe...? Wie gesagt: Ein Jammer!

Unermüdlich zwischen den USA und Europa pendelnd, lotet Vandermark in verschiedensten Formationen aus, welche Möglichkeiten aus der Tradition freier Improvisation zu entwickeln sind. Im stilistischen Kräftefeld zwischen Albert Ayler, Sun Ra, Peter Brötzmann und George Clinton besinnt er sich weniger auf musikhistorische Versatzstücke, sondern forscht strukturellen Spielhaltungen nach.

In Mainz war er mit seinem "Free Music Ensemble" - Nate McBride (Bass), Paal Nilssen-Love (Schlagzeug) - am Start, dessen Bestimmung darin zu liegen scheint, zwischen der willentlichen Aufgabe jeglicher Form und klaren, bisweilen gar der Soul-Musik abgeleiteten Rhythmus-Repetitionen zu vermitteln.

In vier mitreißenden Beispielen erläuterte Vandermark, wie ein spärlich instrumentierter Klangkörper von verspielten Lautmalereien zu einem voll tönenden, stark rhythmisierten Kraftfeld mutieren kann: mit notierten Passagen, frei improvisierend oder auch einmal unter dem spontanen Dirigat eines Mitspielers.

Hinter der Bühne traf Vandermark seine Kollegen vom "Chicago Underground Duo", Rob Mazurek (Trompete) und Chad Taylor (Schlagzeug, Vibraphon). Sie stammen aus dem kreativen Umfeld der Post-Rocker "Tortoise" und verlegen sich zusehends auf eine vergleichbare Spielhaltung. "Anything goes", ein mit "Jazz" assoziierter Grundton, der sensible Einsatz elektronischer Mittel: Melancholische Trompetentöne zum Brummen der Generatoren vom Laptop begleiten das archaische Spiel auf der Mbira, dem afrikanischen Daumenklavier.

Eine interessante Wiederbegegnung gab es mit dem seit 26 bestehenden Trio aus Louis Sclavis (Klarinette, Saxophon), Henri Texier (Bass) und Aldo Romano (Schlagzeug). Es wurde deutlich, wie sich Bands und Konzepte mit der Zeit verändern. Denn die 1990 bei einer ersten von mehreren Afrika-Tourneen geborene, messerscharfe Präzision der einzelnen Stimmen war kaum noch zu spüren. Stattdessen gaben die mittlerweile auch nicht mehr ganz jungen Herren allen Affen Zucker und brachten selbst altbekannte Titel mit einer ordentlichen Portion Extra-Energie über die Rampe.

von Stephan A. Dudek

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Mainzer Allgemeine Zeitung, 23.11.2004

Ein Klangkörper als kollektiver Lebensentwurf - Das kreative Italian Instabile Orchestra begeisterte auch als Sozial-Modell beim 14. "Akut-Festival" im Frankfurter Hof

Es war schon eine geniale Idee des Vereins "Up-Art", für das 14. "Akut-Festival" im Frankfurter Hof nur ein einziges Ensemble einzuladen, dessen Mitglieder dann auf sechs verschiedene Programmplätze verteilt wurden. Das geht nicht mit jeder Kapelle, doch die Mainzer waren an die Richtigen geraten: Das Italian Instabile Orchestra (IIO) versammelt eine überbordende Fülle einzigartiger Künstler-Persönlichkeiten, deren kreative Vielfalt niemals Langeweile aufkommen ließ.

Mehr noch: Hier sind Superlative angebracht. Das IIO präsentierte sich in sensationellem Zustand, kein anderer großorchestraler Jazz-Klangkörper kann diesem derzeit weltweit das Wasser reichen. Dabei weist das Schaffen der Italiener weit über das rein Musikalische hinaus. Die leider nur spärlich erschienenen Zuhörer wohnten einer einzigartigen sozialen Praxis bei, die nach zwei Tagen den anarchischen Witz, die waghalsigen Improvisationen, die verschachtelte Satz-Arbeit und die Verlängerung ins Theatralische noch überlagerte. Das IIO kommt als künstlerisch motivierter, kollektiver Lebensentwurf daher, dessen Fortführung auf manch andere gesellschaftliche Sphären wünschenswert wäre.

Das beginnt bei der Programmgestaltung. In der Gruppe werden die Kompositionen der einzelnen Musiker diskutiert und schließlich ins Programm aufgenommen. Der Komponist tritt während des Konzertes nach vorne, dirigiert seinen Beitrag, um sich dann wieder der Gemeinschaft solidarisch unterzuordnen. So entsteht eine gestalterische Breite, die sich auch in den speziell für das Festival herausgelösten Kleingruppen einlöste.

So brachten Emanuele Parrini (Geige), Giovanni Maier (Bass) und Paolo Damiani (Cello) zunächst die bürgerliche Spielpraxis des Streichtrios an ihr vorläufiges Ende, während sich die Trompeter Guido Mazzon und Pino Minafra zu einem frei improvisierten musikalischen Gespräch durch Schlagzeuger Vincenzo Mazzone anfeuern ließen. Pianist Umberto Petrin ließ an der Seite von Saxophonist Gianluigi Trovesi mit fantasievollen Blues-, Tango- und Jazz-Variationen die Tradition aufscheinen.

Im Grunde setzten die Kleingruppen das auf gegenseitige Toleranz und Offenheit setzende IIO-Konzept fort. Die beiden Holzbläser Carlo Actis Dato und Eugenio Colombo brachten am ersten Tag eine dadaistische Kampfszene auf dem Rücken liegend mit zappelnden Beinen zum Ende - und fuhren sich am zweiten Tag während der weit ausladenden Komposition "M 42" von Trompeter Alberto Mandarini noch einmal genau so erbarmungslos in die Parade.

Das IIO lebt davon, jeglichen Hierarchien den Kampf anzusagen. Komposition steht neben Improvisation, Trillerpfeifen werden zum gleichberechtigten Instrument und die beiden einzigen Cover-Versionen dieses Festivals stammten von Duke Ellington und dem aus Zimbabwe stammenden Thomas Mapfumo.

Die Offenheit geht sogar über das fest gefügte Personal hinaus: Am ersten Abend sorgte der deutsche "special guest" Frank Gratkowski am Saxophon unter dem energiegeladenen Dirigat von Daniele Cavallanti für den solistischen Höhepunkt.

(Stephan Dudek)

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Mainzer Rheinzeitung, 23.11.2004

Quirlig-kreative Entdeckergemeinschaft
Im "Italian Instabile Orchestra" versammelt sich Italiens Jazz-Elite - Gastspiel beim "Akut"-Festival


Italien hat es gut. Die dortige Jazz-Szene ist, überspitzt formuliert, übersichtlich. Denn im "Italian Instabile Orchestra" versammelt sich die Elite der Nation zu gemeinsamen Projekten ganz unterschiedlicher Art. Unzählige Solo-Projekte und kleinere Formationen sind daraus entstanden oder darin aufgegangen. Seit 1990 bildet das Projekt eine nie zur Ruhe kommende, quirlige Nicht-Einheit aus Kreativität, musikalischer Neugier und fast triebhafter Entdeckerkultur. Dem nur wenige Jahre älteren Mainzer Verein "Upart", der sich seit Ende der 80er Jahre unermüdlich um Kulturpflege fern einnahmeträchtiger Events kümmert, ist es gelungen, diesen Kreativpool nach Mainz zu holen und ihn allein das 14. "Akut"-Festival für zeitgenössischen Jazz im Frankfurter Hof bestreiten zu lassen.

Wenn man sie machen lässt, kommt das durchdachte Ungewöhnliche heraus - so scheint es schon bei der Besetzung kleinerer Programmpunkte. So haben sich Emanuele Parrini (Geige), Paolo Damiani (Cello) und Giovanni Maier (Kontrabass) zu einem Trio zusammengeschlossen, das aus seinen Instrumenten, gar aus der "klassischen" Zusammenstellung erstaunlich weitsichtige Musik herausholt. Hochmelodisch ist das alles, ein wenig orientalisch klingt es auch. Bewusste harmonische Brechungen dürfen natürlich nicht fehlen, auch das kokette Spiel mit dem Streichtrio-Klischee steckt augenzwinkernd darin.

Weit über Italien hinaus bekannt ist der Saxofonist Gianluigi Trovesi, der gemeinsam mit dem Pianisten Umberto Petrin auch an dem international gefeierten Album "Spellbound" der Sängerin Tiziana Ghiglioni mitgewirkt hat. Aber auch ohne sie klingen beide ganz großartig. Kernig drauflos zu musizieren ist ihre Sache nicht: Da ist jeder Ton eine Wissenschaft für sich, ohne dabei akademisch-verkopft am Hörer-Ohr vorbei zu verklingen. Sanfte Balladen und brummige Tango-Adaptionen können ebenso faszinieren wie der drängende Groove eines Blues-Schemas.

Für die Fans großer Besetzungen war an beiden Festival-Abenden gründlich gesorgt. Wer vitale Big-Band- Sets mag, kam ebenso auf seine Kosten wie die Liebhaber melancholischer Weisen oder furioser Tanzästhetik. Internationale Wurzeln lassen sich immer wieder erkennen wie Verbeugungen vor barocken Formen. Vieles klingt merkwürdig bekannt, ohne dass sich immer gleich lokalisieren ließe, woher diese Bekanntheit stammt. Muss auch nicht.

Noch etwas erstaunt: Alle Musiker sind begnadete Improvisationskünstler, so dass ein Ensemblespiel unter gängigen Annahmen doch eher Glücksache sein müsste. Nicht so bei diesem Orchester: Chaos und Harmonie sind hier zwei Seiten einer Medaille. Alles ist drin, nichts ist verboten, wenn die Herren gemeinsam musizieren. Ernsthaft, solide ausprobiert und mit einer Menge Spaß.

(Lenard Hanson)

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letzte Änderung April 2011