Presseberichte
Kreative
Klangschöpfungen - JAZZ Joe Sachse, John Marshall und Fred Baker
faszinieren die Zuhörer im „Café 7º“
(Mainzer
Allgemeine Seite 11.04.2011)
Locker
improvisierter Artrock - Mary Halvorson und Jessica Pavone überzeugen
mit Minimal-Music, frechem Witz und alten Jazzspielarten im Café
7º (Mainzer Allgemeine Zeitung 08.09.2009)
Stakkato-Schlacht
der Saxophonisten – Peter Brötzmann und Ken Vandermark im
Doppelkonzert zur Feier von zwanzig Jahre „Upart“
(Mainzer Allgemeine Zeitung 08.09.2009)
Die
wilde Musik einer Großstadt - 16. Akut-Festival im Frankfurter
Hof (Mainzer
Allgemeine Zeitung, 18.11.2008)
Weltklasse-Trendsetter
aus der Vertriebsnische - Die Plattformen für Avantgarde-Jazz
werden kleiner: Geschrumpftes "Akut"-Festival in Mainz mit
brilliantem Ken Vandermark (Mainzer
Allgemeine Zeitung, 09.10.2006)
Ein
Klangkörper als kollektiver Lebensentwurf - Das kreative Italian
Instabile Orchestra begeisterte auch als Sozial-Modell beim 14.
"Akut-Festival" im Frankfurter Hof (Allgemeine Zeitung,
Mainz 23.11.2004)
Quirlig-kreative
Entdeckergemeinschaft
- Im
"Italian Instabile Orchestra" versammelt sich Italiens
Jazz-Elite - Gastspiel beim "Akut"-Festival
(Mainzer
Rheinzeitung, 23.11.2004)
Mainzer
Allgemeine Zeitung vom 11.04.2011
Von Klaus Mümpfer
Kreative Klangschöpfungen
JAZZ Joe Sachse, John
Marshall und Fred Baker faszinieren die Zuhörer im „Café
7º“
Die
Augen der Zuschauer vermögen der Schlagzahl der rechten Hand
auf der Gitarre kaum zu folgen, wenn Joe Sachse sich in rasanten
Läufen gemeinsam mit John Marshall am Schlagzeug und Fred
Baker am Bass dem Trio-Crescendo nähert. Sachse hat die
klassische Arbeitsteilung der Hände beim Gitarrenspiel
aufgegeben und entwickelte eine beidhändige polyphone
Fingertapping- und Percussionstechnik, die er auf Saiten und
Korpus reißt und schlägt sowie mit verzerrtem Sound
kombiniert. Zusätzliche Soundeffekte mit Glissandowirkung
zaubert Sachse mit Hilfsmitteln wie einem Schraubenzieher auf den
Stahlsaiten. Solche ebenso kreative wie virtuose Klangschöpfungen
lassen sein Spiel artistisch wirken..
Sachses
Spiel integriert sich in die ausschweifende Jazz-Rock-Konzeption
des Trios mit dem früheren „Soft Machine“- und
„Nucleus“-Drummer John Marshall sowie dessen Freund
aus der „Soft Machine Legacy“-Zeit, dem Bassisten Fred
Thelonious Baker. Extreme Dynamiksprünge, selten zarte
Gitarrenläufe und swingende Beats, meistens dagegen rasend
schnelle und rhythmisch vielschichtige Interaktionen prägen
das Spiel von Sachse, Marshall und Baker.
„Nasobem“,
eine Komposition nach einem Gedicht von Christian Morgenstern hebt
mit einem hart rockenden Up-Tempo-Lauf an, wechselt zu einer
melodischen Passage, um dann wiederum abrupt in ein
Hochgeschwindigkeits-Crescendo zu münden und mit einem
Schlagzeug-Solo zu enden. Sachses Bewunderung gilt nach eigener
Aussage Marshall, der die Phrasen der Themen umspielt und dabei,
nie wiederholend, die Kompositionen „kommentiert“. Das
Lob schießt auch Baker ein, der mühelos zwischen
Basslinien und Melodie wechselt sowie frei kontrapunktisch Läufe
zupft. Bakers Soli überzeugen mit harmonischen Wendungen und
Verzierungen des Themas und laufen nur selten straight im
Grundrhythmus. Fasziniert lauscht der Zuhörer in „The
Mill“ einem trotz der Lautstärke sensiblen
Ruf-Antwort-Spiel von Bass und Gitarre.
Ins
Ohr gehen beim Konzert auf Einladung der Kulturinitiative „Up-Art“
vor allem Flamenco-gesättigte Kompositionen wie „Der
Geist von Toledo“ oder „Für Oki“ mit den
eingängigen Gitarren-Läufen und den melodischen
Bass-Linien. Dann kann Sachse sein doppelt percussives Spiel auf
der Gitarre ausleben. Eingeschoben zwischen die schnellen
Jazzrock-Stücke sind etwa beim „Altersswing“
Experimente mit Sound-Collagen auf Gitarre und Bass, die vom frei
pulsierenden Schlagzeug abgerundet werden. „Wir wollten mal
was anderes präsentieren als Jazz“, meint ein
UpArt-Mitglied spaßhaft. Die humorvollen Energieausbrüche
des „One Take“-Trios bereiteten den zahlreichen
Zuhörern im „Café 7º“ viel Freude.
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Mainzer
Allgemeine Zeitung vom 25.02.2011
Locker improvisierter
Artrock
JAZZINITIATIVE Mary
Halvorson und Jessica Pavone überzeugen mit Minimal-Music,
frechem Witz und alten Jazzspielarten im Café 7º
(dör).
Mary Halvorson spielt eine feine Gitarre, und gerne darf es auch ein
Vintage-Modell sein. Aber eines muss ihr Instrument können, es
soll Töne verbiegen und verzerren, denn ihr so transparentes
Single Note-Spiel ufert zuweilen aus in ein heftiges Splittern und
Bersten in bester Hendrix-Manier. Die so fragile wie energische
Gitarristin ist derzeit sehr gefragt. Neben dem Duo mit Jessica
Pavone hat sie ein eigenes Trio, spielt in Marc Ribots „Sunship“
und immer mal wieder in den Formationen ihres Lehrmeisters Anthony
Braxtons. In New York, wo sie seit 2002 lebt, wird sie von der Kritik
als „the real thing“ gefeiert. In der Tat, was die
dreißigjährige Gitarristin mit dem leichthändigen
Anschlag und die Geigerin Jessica Pavone spielen, das schmeckt nach
Rock und ein bisschen auch nach Kunsthochschule. Fügt sich also
prima ein in die gewollt coole Atmosphäre im Kulturcafé
7º und verbindet sich zuweilen frappant mit dem Verkehrslärm
draußen vor der Tür. Interessiert heben beide Musikerinnen
den Kopf - „Police.. ?“ - „No, Firebrigade...“,
antwortet es aus dem Publikum und weiter geht die Notenjagd durch das
nächtliche Mainz. Seit fast zehn Jahren arbeitet Halvorson mit
der Geigerin Jessica Pavone zusammen und ihren locker improvisierten
Artrock stellen die beiden derzeit im alten Europa vor. Drei
Stationen nur, ein Kulturclub in Oberitalien, das renommierte Bimhuis
in Amsterdam und eben das 7º in der Kunsthalle, das seit seiner
Eröffnung der Mainzer Jazziniative „upart“ Obdach
bietet. Lässig und übermütig klingt das Duo und findet
sich zuweilen zweistimmig zu kleinen, drolligen Moritaten. Eine
verblüffend stimmige Kombination von Minmal-Music, frechem Witz
und alten Jazzspielarten, hier ein wenig Charlie Christian, dort
sogar ein bisschen Folk. „Prairies“ haben sie eine ihrer
frühen CDs betitelt und auch wenn sich Mary Halvorson gewiss
nicht an der derzeitigen Americana-Manie beteiligt, auch ein Hauch
alter Westen findet sich in der quecksilbrigen Mischung aus Folk,
Jazz und Kammermusik.
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Mainzer
Allgemeine Zeitung vom 08.09.2009
Stakkato-Schlacht der
Saxophonisten
JAZZ Peter
Brötzmann und Ken Vandermark im Doppelkonzert zur Feier von
zwanzig Jahre "Upart"
Don
Cherry hatte ihn einst "Machine Gun" genannt. Dies hatte
dem Saxophonisten Peter Brötzmann offensichtlich so sehr
geschmeichelt, dass er so eine seiner wichtigsten Einspielungen
nannte. Dennoch ist es immer wieder faszinierend, welche sanften
Läufe der Berserker aus Saxophonen und Klarinetten sowie dem aus
Ungarn stammenden Tarogato entlocken kann. Beim Duo-Konzert mit dem
amerikanischen Kollegen Ken Vandermark zur 20-Jahr-Feier von "Upart"
setzt Brötzmann die Hymnik afrikanischer Beschwörungsformeln
gegen eine sonore, fast sakral wirkende Grundlinie, die Vandermark
auf dem Tenorsaxophon anstimmt. Zuvor hatte der eine Generation
jüngere Amerikaner mit knallenden Schnalzlauten auf seinem
Instrument die langgezogenen Läufe Brötzmanns strukturiert.
Die
energetischen und expressiven Stakkatoläufe Vandermarks und
Brötzmanns gleichen einem "Saxophon-Battle" nach dem
Motto lauter, kraftvoller, aufschreiender. Immer wieder schrauben sie
sich auf den Klarinetten in schwindelerregende Höhen, bis sich
die Töne fast schmerzhaft wie Tinnitus in den Gehörgängen
festsetzen. Dazwischen gibt es nahezu lyrische Passagen, in denen
Brötzmann auf dem der Klarinette ähnelnden Tarogato die
"Melodie"-Linien Vandermarks umspielt, bevor die beiden
Klarinettisten ihre Läufe verweben, Brötzmann eine kantable
Linie bläst und Vandermark in Zirkularatmung einen schier nicht
enden wollenden Lauf mit reichlich Vibrato ausklingen lässt.
Extreme Dynamikspünge kennzeichnen die Duo-Improvisationen,
Unisono und Mehrstimmigkeit die Interaktionen.
Jene
unauffälligen Rückbesinnungen auf die Tradition strafen
Kritiker Lügen, die Brötzmann zu stark im europäischen
Free-Jazz der sechziger Jahre hängengeblieben sehen. Und Ken
Vandermarks diesjährige Einspielung "c.o.d.e." als
Tribut an die Free-Jazz-Pioniere Ornette Coleman und Eric Dolphy
belegt, dass auch der Jüngere das freie und ungebundene Spiel in
eine zeitgemäße Form transformiert hat.
Dies
gilt um so mehr für die Musik von Vandermarks "Frame-Quartet",
mit dem er im zweiten Teil des Jubiläumskonzertes Folkore,
freien Jazz, elektronische Experimente und E-Avantgarde auf
einzigartige Weise verschmelzen lässt. Es beginnt mit reinen
Electronics, die Percussionist Tim Daisy mit zunächst swingendem
Spiel unterlegt. Vandermark greift mit dem Tenorsaxophon das Thema
auf, zerfasert es, während Daisy vom Beat zum "Pulse"
wechselt. Cellist Fred Lonberg-Holm liefert sich mit dem Bassisten
Nate McBride auf dem Bass rasende gestrichene wie gezupfte Wettläufe.
Ein anderes Mal leitet die String-Section kammermusikalisch
Vandermarks Klarinettensolo ein. Plötzlich überraschen ein
Dutzend Gongschläge die Zuhörer, bevor das Cello
neutönerisch gestrichen wird. Die Klarinette schreit auf,
schraubt sich in überblasene High-Notes oder schnattert in den
Mittellagen.
Vor
dem Konzert blicken die Vorsitzende Marlis Weißenberger und
UpArt-Fan Reimund Dillmann auf die 20 Jahre des Vereins für
zeitgenössische Kultur zurück. Die Liste der Künstler
gleicht einem "Who is who" des modernen Jazz. Dillmann
bescheinigt den Vereinsmitgliedern von UpArt "offene Ohren,
Kompetenz sowie konstruktive Streitkultur" zum Nutzen der
Jazz-Freunde.
von
Klaus Mümpfer
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Mainzer
Allgemeine Zeitung vom 18.11.2008
Die wilde Musik einer
Großstadt - 16. Akut-Festival im Frankfurter Hof
MAINZ
Das 16. Akut-Festival im Frankfurter Hof machte eine digitale
Zeitenwende spürbar, ohne auch nur einen Computer hörbar
werden zu lassen. Es ging um die Interaktion unter Individuen und um
die Reduktion des Einzelnen auf die Funktion des Ausführenden.
Das befreite und befreiende Spielprinzip des Free Jazz, wie es seit
den sechziger Jahren gültig war, wird zunehmend von einer
ästhetisch motivierten Denkweise des Seriellen und Modularen
abgelöst. Nicht mehr die zum Ausbruch geführte Psychologie
des Menschen regiert, sondern die klare Struktur, wie sie in
Idealform allein von Maschinen generiert werden kann.
Wenn
zwei das Gleiche tun, dann kann es schon mal im Chaos enden. Dann
nämlich, wenn die vereinbarte Ordnung durch falsche
Orientierung, Fehler oder gar Hinterlist durchkreuzt wird. Das Double
Tenor Quartet des New Yorker Kontrabassisten Mario Pavone trägt
die provozierte Differenz schon im Namen: Zwei Saxophonisten - Tony
Malaby, Abraham Burton - stellen sich unisono vor, um sich mit jedem
improvisierten Takt weiter voneinander zu entfernen. Das soziale
Grundprinzip des organisierten Miteinanders wird konterkariert. Dicht
verwobene Romantizismen von Pianist Peter Madsen, stolpernde,
ungerade Bassfiguren von Mario Pavone und heftig synkopierte, kaum
miteinander verschachtelte Binnenrhythmen von Schlagzeuger Daniel
Humair machen das Ganze zur wilden Musik einer Großstadt, in
der sich jeder der Nächste ist. Schade nur, dass dieses Double
Quartet kaum seinem Namen Ehre machte, die beiden Holzbläser
meist nacheinander solierten.
Dass
es am gleichen Werkstück feilt, wurde beim nachfolgenden Duo vom
ersten Ton an deutlich. Die Linke des 73-jährigen Pianisten
Misha Mengelberg aus den Niederlanden stanzt mit autistischem
Gleichmaß Lochkarten in die bassseitige Tastatur des Flügels,
während die Rechte vogelgleiches Gezwitscher in höchsten
Lagen beimischt. Drei Meter neben ihm steht der Kölner
Klarinettist und Saxofonist Frank Gratkowski und holt das ganze
Arsenal an Überblas-, Schmatz- und Rauschtönen aus seinem
Instrument - und plötzlich mischt sich in dieses
Holzblas-Inferno ein beruhigtes Rhythmusraster, parallel zu dem von
Mengelberg vorgegebenen Bass-Motiv. Gelebte Demokratie auf offener
Bühne - hier wird von Gleich zu Gleich kommuniziert. Jeder gibt,
was er kann, und jeder nimmt, was der andere zu geben bereit ist.
Ganz
anders Ronin, die fantastische Band des Schweizer Pianisten Nik
Bärtsch. Hier agiert der Komponist im Sinne eines
Programmierers. Auf Zuruf oder vereinbarte musikalische Zeichen hin
reihen sich klar überschaubare Module aneinander, die in ihrem
inneren Verlauf immer gleich bleiben und sich durch seriellen
Gebrauch theoretisch bis ins Unendliche fortsetzen lassen. Der
einzelne Musiker wird so zum hochprofessionell tätigen,
virtuosen Knöpfchendrücker. Das Wunder an der Sache ist,
dass das Ganze ordentlichen Groove entwickelt, der dieser
Reißbrett-Musik zupackende Körperlichkeit vermittelt.
Ronin funktioniert über weite Strecken wie Techno sinnentleert,
animierend, anonymisierend. Jazz der näheren Zukunft.
von
Stephan A. Dudek
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Mainzer
Allgemeine Zeitung, 09.10.2006
Weltklasse-Trendsetter aus
der Vertriebsnische - Die Plattformen für Avantgarde-Jazz werden
kleiner: Geschrumpftes "Akut"-Festival in Mainz mit
brilliantem Ken Vandermark
MAINZ
Ach, es ist ein Jammer, dass ein Weltklassemusiker wie Ken Vandermark
hier zu Lande nicht die Beachtung findet, die seine Leistung
verdient. Der mangelhafte Vertrieb seiner CDs verhindert, dass der
Holzbläser aus Chicago beim breiten Publikum überhaupt
ankommt. Festivals wie dem Mainzer "Akut" im Frankfurter
Hof, dieses Jahr aus schierer Geldnot auf nur einen Tag geschrumpft
und für die Zukunft in seinem Bestand schwer gefährdet,
kommt das Verdienst zu, solch künstlerische Trendsetter aus den
Fesseln der Vertriebsnische zu befreien und eine Bühne zu
bieten. Wenn es das nicht mehr gäbe...? Wie gesagt: Ein Jammer!
Unermüdlich
zwischen den USA und Europa pendelnd, lotet Vandermark in
verschiedensten Formationen aus, welche Möglichkeiten aus der
Tradition freier Improvisation zu entwickeln sind. Im stilistischen
Kräftefeld zwischen Albert Ayler, Sun Ra, Peter Brötzmann
und George Clinton besinnt er sich weniger auf musikhistorische
Versatzstücke, sondern forscht strukturellen Spielhaltungen
nach.
In
Mainz war er mit seinem "Free Music Ensemble" - Nate
McBride (Bass), Paal Nilssen-Love (Schlagzeug) - am Start, dessen
Bestimmung darin zu liegen scheint, zwischen der willentlichen
Aufgabe jeglicher Form und klaren, bisweilen gar der Soul-Musik
abgeleiteten Rhythmus-Repetitionen zu vermitteln.
In
vier mitreißenden Beispielen erläuterte Vandermark, wie
ein spärlich instrumentierter Klangkörper von verspielten
Lautmalereien zu einem voll tönenden, stark rhythmisierten
Kraftfeld mutieren kann: mit notierten Passagen, frei improvisierend
oder auch einmal unter dem spontanen Dirigat eines Mitspielers.
Hinter
der Bühne traf Vandermark seine Kollegen vom "Chicago
Underground Duo", Rob Mazurek (Trompete) und Chad Taylor
(Schlagzeug, Vibraphon). Sie stammen aus dem kreativen Umfeld der
Post-Rocker "Tortoise" und verlegen sich zusehends auf eine
vergleichbare Spielhaltung. "Anything goes", ein mit "Jazz"
assoziierter Grundton, der sensible Einsatz elektronischer Mittel:
Melancholische Trompetentöne zum Brummen der Generatoren vom
Laptop begleiten das archaische Spiel auf der Mbira, dem
afrikanischen Daumenklavier.
Eine
interessante Wiederbegegnung gab es mit dem seit 26 bestehenden Trio
aus Louis Sclavis (Klarinette, Saxophon), Henri Texier (Bass) und
Aldo Romano (Schlagzeug). Es wurde deutlich, wie sich Bands und
Konzepte mit der Zeit verändern. Denn die 1990 bei einer ersten
von mehreren Afrika-Tourneen geborene, messerscharfe Präzision
der einzelnen Stimmen war kaum noch zu spüren. Stattdessen gaben
die mittlerweile auch nicht mehr ganz jungen Herren allen Affen
Zucker und brachten selbst altbekannte Titel mit einer ordentlichen
Portion Extra-Energie über die Rampe.
von Stephan A. Dudek
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Mainzer
Allgemeine Zeitung, 23.11.2004
Ein Klangkörper als
kollektiver Lebensentwurf - Das kreative Italian Instabile Orchestra
begeisterte auch als Sozial-Modell beim 14. "Akut-Festival"
im Frankfurter Hof
Es
war schon eine geniale Idee des Vereins "Up-Art", für
das 14. "Akut-Festival" im Frankfurter Hof nur ein einziges
Ensemble einzuladen, dessen Mitglieder dann auf sechs verschiedene
Programmplätze verteilt wurden. Das geht nicht mit jeder
Kapelle, doch die Mainzer waren an die Richtigen geraten: Das Italian
Instabile Orchestra (IIO) versammelt eine überbordende Fülle
einzigartiger Künstler-Persönlichkeiten, deren kreative
Vielfalt niemals Langeweile aufkommen ließ.
Mehr
noch: Hier sind Superlative angebracht. Das IIO präsentierte
sich in sensationellem Zustand, kein anderer großorchestraler
Jazz-Klangkörper kann diesem derzeit weltweit das Wasser
reichen. Dabei weist das Schaffen der Italiener weit über das
rein Musikalische hinaus. Die leider nur spärlich erschienenen
Zuhörer wohnten einer einzigartigen sozialen Praxis bei, die
nach zwei Tagen den anarchischen Witz, die waghalsigen
Improvisationen, die verschachtelte Satz-Arbeit und die Verlängerung
ins Theatralische noch überlagerte. Das IIO kommt als
künstlerisch motivierter, kollektiver Lebensentwurf daher,
dessen Fortführung auf manch andere gesellschaftliche Sphären
wünschenswert wäre.
Das
beginnt bei der Programmgestaltung. In der Gruppe werden die
Kompositionen der einzelnen Musiker diskutiert und schließlich
ins Programm aufgenommen. Der Komponist tritt während des
Konzertes nach vorne, dirigiert seinen Beitrag, um sich dann wieder
der Gemeinschaft solidarisch unterzuordnen. So entsteht eine
gestalterische Breite, die sich auch in den speziell für das
Festival herausgelösten Kleingruppen einlöste.
So
brachten Emanuele Parrini (Geige), Giovanni Maier (Bass) und Paolo
Damiani (Cello) zunächst die bürgerliche Spielpraxis des
Streichtrios an ihr vorläufiges Ende, während sich die
Trompeter Guido Mazzon und Pino Minafra zu einem frei improvisierten
musikalischen Gespräch durch Schlagzeuger Vincenzo Mazzone
anfeuern ließen. Pianist Umberto Petrin ließ an der Seite
von Saxophonist Gianluigi Trovesi mit fantasievollen Blues-, Tango-
und Jazz-Variationen die Tradition aufscheinen.
Im
Grunde setzten die Kleingruppen das auf gegenseitige Toleranz und
Offenheit setzende IIO-Konzept fort. Die beiden Holzbläser Carlo
Actis Dato und Eugenio Colombo brachten am ersten Tag eine
dadaistische Kampfszene auf dem Rücken liegend mit zappelnden
Beinen zum Ende - und fuhren sich am zweiten Tag während der
weit ausladenden Komposition "M 42" von Trompeter Alberto
Mandarini noch einmal genau so erbarmungslos in die Parade.
Das
IIO lebt davon, jeglichen Hierarchien den Kampf anzusagen.
Komposition steht neben Improvisation, Trillerpfeifen werden zum
gleichberechtigten Instrument und die beiden einzigen Cover-Versionen
dieses Festivals stammten von Duke Ellington und dem aus Zimbabwe
stammenden Thomas Mapfumo.
Die
Offenheit geht sogar über das fest gefügte Personal hinaus:
Am ersten Abend sorgte der deutsche "special guest" Frank
Gratkowski am Saxophon unter dem energiegeladenen Dirigat von Daniele
Cavallanti für den solistischen Höhepunkt.
(Stephan
Dudek)
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Mainzer
Rheinzeitung, 23.11.2004
Quirlig-kreative
Entdeckergemeinschaft
Im "Italian Instabile Orchestra"
versammelt sich Italiens Jazz-Elite - Gastspiel beim
"Akut"-Festival
Italien
hat es gut. Die dortige Jazz-Szene ist, überspitzt formuliert,
übersichtlich. Denn im "Italian Instabile Orchestra"
versammelt sich die Elite der Nation zu gemeinsamen Projekten ganz
unterschiedlicher Art. Unzählige Solo-Projekte und kleinere
Formationen sind daraus entstanden oder darin aufgegangen. Seit 1990
bildet das Projekt eine nie zur Ruhe kommende, quirlige Nicht-Einheit
aus Kreativität, musikalischer Neugier und fast triebhafter
Entdeckerkultur. Dem nur wenige Jahre älteren Mainzer Verein
"Upart", der sich seit Ende der 80er Jahre unermüdlich
um Kulturpflege fern einnahmeträchtiger Events kümmert, ist
es gelungen, diesen Kreativpool nach Mainz zu holen und ihn allein
das 14. "Akut"-Festival für zeitgenössischen Jazz
im Frankfurter Hof bestreiten zu lassen.
Wenn man sie machen
lässt, kommt das durchdachte Ungewöhnliche heraus - so
scheint es schon bei der Besetzung kleinerer Programmpunkte. So haben
sich Emanuele Parrini (Geige), Paolo Damiani (Cello) und Giovanni
Maier (Kontrabass) zu einem Trio zusammengeschlossen, das aus seinen
Instrumenten, gar aus der "klassischen" Zusammenstellung
erstaunlich weitsichtige Musik herausholt. Hochmelodisch ist das
alles, ein wenig orientalisch klingt es auch. Bewusste harmonische
Brechungen dürfen natürlich nicht fehlen, auch das kokette
Spiel mit dem Streichtrio-Klischee steckt augenzwinkernd darin.
Weit
über Italien hinaus bekannt ist der Saxofonist Gianluigi
Trovesi, der gemeinsam mit dem Pianisten Umberto Petrin auch an dem
international gefeierten Album "Spellbound" der Sängerin
Tiziana Ghiglioni mitgewirkt hat. Aber auch ohne sie klingen beide
ganz großartig. Kernig drauflos zu musizieren ist ihre Sache
nicht: Da ist jeder Ton eine Wissenschaft für sich, ohne dabei
akademisch-verkopft am Hörer-Ohr vorbei zu verklingen. Sanfte
Balladen und brummige Tango-Adaptionen können ebenso faszinieren
wie der drängende Groove eines Blues-Schemas.
Für
die Fans großer Besetzungen war an beiden Festival-Abenden
gründlich gesorgt. Wer vitale Big-Band- Sets mag, kam ebenso auf
seine Kosten wie die Liebhaber melancholischer Weisen oder furioser
Tanzästhetik. Internationale Wurzeln lassen sich immer wieder
erkennen wie Verbeugungen vor barocken Formen. Vieles klingt
merkwürdig bekannt, ohne dass sich immer gleich lokalisieren
ließe, woher diese Bekanntheit stammt. Muss auch nicht.
Noch
etwas erstaunt: Alle Musiker sind begnadete Improvisationskünstler,
so dass ein Ensemblespiel unter gängigen Annahmen doch eher
Glücksache sein müsste. Nicht so bei diesem Orchester:
Chaos und Harmonie sind hier zwei Seiten einer Medaille. Alles ist
drin, nichts ist verboten, wenn die Herren gemeinsam musizieren.
Ernsthaft, solide ausprobiert und mit einer Menge Spaß.
(Lenard
Hanson)
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letzte Änderung April 2011